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Lese-Ecke des 1. Österreichischen Motorradmuseums

– Meines Vaters Motorräder –


Mein Vater war einer von drei Söhnen eines Beamten, der zwar in der spannenden Zeit der Entwicklung des Motorwesens vom Ende des 19. bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts lebte, aber alles was zwei bis vier Räder hatte, hasste wie die Pest. Meines Vaters Brüder hielten es wie Großvater mit der Motorisierung.

Doch mein alter Herr war wohl etwas aus der Art geschlagen. Er schleppte bereits mit 15 Jahren eine Austro Motorette an (ein motorisiertes Vorderrad mit 90 ccm, das man in jedes Fahrrad einbauen konnte) und verkehrte vorwiegend mit den Kindern des Anton Karner, der im 13. Bezirk in der Ghelengasse neben meinen Großeltern wohnte. Dieser Karner war der Bruder des berühmten Rennfahrers Rupert Karner, dem Hero der 20er Jahre in der internationalen Motorrad – Rennsportszene. Auch importierte Anton Karner das Lebenselixier schneller Motoren, nämlich das Castrol Öl aus England nach Österreich. Und im Hause Karners verkehrten die Rennsportgrößen der Zwischenkriegszeit. Mein Dad ließ natürlich kein Sandbahn- oder Straßenrennen aus.

Doch mit der Einberufung in die Wehrmacht war alles zu Ende. Als Landser fuhr er einen Ford LKW mit V-8 Motor, der beim Polenfeldzug abbrannte. Der verschmorte Vergaser liegt heute noch als Familienreliquie herum. Aber sonst hat er in diesen sechs Jahren bis zur Kriegsgefangenschaft am Monte Cassino durch die Amis und Internierung in den USA nicht mehr viel mit Motorrädern zu tun gehabt. Er hat kaum über diese Zeit gesprochen, er hat überlebt. Trotz Schussbruches, der bis zu seinem Tod niemals mehr richtig verheilte. Sein Widerstand gegen die Geschehnisse jener Zeit schlug sich in seinem Dienstgrad nach sechs Kriegsjahren - als Kanonenfutter in den vordersten Schützengräben - nieder: Obergefreiter.

Doch das Leben nach dem Krieg hatte einen Namen und Wurzeln in der Wiener Rennszene der Zwischenkriegszeit: FN M86. Diese Kürzel bezeichnen ein bemerkenswertes Motorrad, hergestellt in Herstal/Belgien bei der „Fabrique National des Armes de Guerre“.
Erstbesitzer dieser Werksrennmaschine war der Wiener Beiwagencrack Karl Abarth, der vor dem Krieg als Beiwagen - Europameister einen guten Namen hatte. Im Krieg ging er nach Italien und machte dort als Auspuffproduzent, Tuningspezialist und schlussendlich Sportwagenfabrikant Karriere. Doch 1937 war es noch nicht soweit, er wollte ein neues Motorrad kaufen und suchte einen Interessenten für seine FN. Er verkaufte sie nachdem sich der Sandbahn Europameister Martin Schneeweiß dafür interessiert hatte an einen Rauchfangkehrermeister Patzl, der in der Botschaftergegend im 3. Bezirk, in der Reisnerstraße seine Firma hatte. Patzl war ein bekannter Rennfan, der in den Rennfahrerkreisen Wiens verkehrte und immer auf der Ausschau nach „abgelegten“ Rennmaschinen der großen Matadore war. Doch bald war er des giftigen und im Straßenverkehr kaum zu fahrenden Eisens leid und suchte noch im selben Jahr einen Kunden, den er in Form des Tapezierermeisters Hans Wollner, 1190 Döblinger Hauptstraße 35 fand.

Wollner ließ die Maschine durch den damaligen Wiener FN Vertreter Müllner „zurückfrisieren“ und damit für den Straßenverkehr tauglicher machen. So wurde der Hochkompressionskolben nach dem Ausschleifen durch einen niedrig verdichtenden Kolben ersetzt, weichere Haarnadelventilfedern eingebaut, die Rennkupplung durch eine Serienkupplung ersetzt und vor allem eine Batteriezündung eingebaut. Damit das Motorrad über die Kriegszeit nicht requiriert werden konnte, hatte sie Hans Wollner vollkommen zerlegt und versteckt.

Nach dem Krieg baute er sie wieder zusammen und verwendete sie als Geschäftsmaschine. Dazu wurde am MP-Beiwagen, an den sie angeschlossen war, ein Brett anstelle des Beiwagenbootes angeschraubt und auf diesem Brett stapelte er beispielsweise Rosshaarmatratzen. Diese waren damals eines seiner Hauptgeschäfte, da die Kunden diese alten und langlebigen Matratzen von ihm umarbeiten, „gradeln und krampeln“ ließen. Die Abholung und Auslieferung erfolgte immer auf dem Beiwagen, dort hatte sie Wollner zu 10er Stapeln aufgebunden. Und am Wochenende schraubte er wieder das elegante Beiwagenboot drauf und fuhr mit der Familie aus. Die Mutter saß am Sozius, der Sohn, der wie sein Vater ebenfalls Hans Wollner hieß und heute den Betrieb führt, im Beiwagen.

Die Urlaubsfahrten gingen oft nach Bad Goisern, wo er Verwandte hatte. Dort machte die Maschine viel Aufsehen, da sie schnell war und toll aussah. Er fuhr auch Spaßrennen gegen die heimische Elite der dortigen Motorradbesitzer. Seine größte Freude war es, die Lokalmatadore auf BMW zu schlagen. Auf der damaligen, elendigen und mit Schlaglöchern übersäten 1er Bundesstraße die über die Strengberge führte, benötigte er sechs Stunden bis Bad Goisern, eine unter den gegebenen Umständen tolle Zeit.

Mit dem Beginn des sogenannten „Wirtschaftswunders“ und damit dem wirtschaftlichen Aufschwung, kaufte Hans Wollner einen Morris Minor mit Farmer Karosserie, das Motorrad bot er im Anzeigenteil des „Kurier“ an. Er hatte bereits einen Interessentern drauf, doch dieser wollte die verlangten 6.000 Schilling nicht zahlen.

Mein Vater sah aufgrund der Annonce oder im Straßenverkehr, das lässt sich heute nicht mehr feststellen, die Maschine und kaufte sie.

Damit war in der Familie „Feuer am Dach“. Denn mein Vater hatte nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1947 eine brave Puch 500 mit Doppel-Doppelkolbenmotor und Beiwagen gekauft, mit der er seiner Arbeit als selbständiger Lebensmittelkaufmann im 3. Wiener Gemeindebezirk nachkam. Diese Maschine war zuvor im Besitz einer Ofensetzerin im 2. Bezirk gewesen. Diese hatte den Betrieb nach dem Tod ihres Mannes als Witwenbetrieb fortgeführt und war auf einen kleinen Lieferwagen umgestiegen. Auch bei uns hatte die Puch als „Brot und Butter Fahrzeug“ brav tagaus tagein zu dienen. Auch hier wurde unter der Woche eine Lieferkiste auf das Beiwagenchassis geschraubt und die Ware vom Naschmarkt geholt, am Wochenende kam das Beiwagenboot für die Familienausfahrt drauf.

Pflichttermin für meinen rennbegeisterten Vater waren jeden Mittwoch Abend die Speedwayrennen unter Flutlicht am „Tschechischen Herz Platz“ in Favoriten. Mutter tobte und war dagegen, ich fuhr immer in der Kiste mit. Bei schlechtem Schulerfolg unter Abholung einer kräftigen Tachtel, doch das war die Sache wert. Und nach den Rennen ließ der Alte die Favoritenstraße hinunter „die Kiste so richtig fliegen“.

Die Wochenend-Ausfahrten mit dem „Personen-Bootsbeiwagen“ gingen je nach Maßgabe der rationierten Benzinmengen in die Umgebung Wiens. Wenn, ja wenn es Vater nicht vorher gelungen war, bei den britischen Besatzungstruppen in der nahen Rennwegkaserne einige Liter Extrabenzin im Schleichhandel zu bekommen. Bei diesen seltenen Gelegenheiten ging die Fahrt dann weit bis nach Niederösterreich oder als Urlaubsfahrt sogar bis ins Salzburgische. Ja, und bei einer solchen Ausfahrt wurden wir von einem unachtsamen Aero-Fahrer (Aero waren tschechische Kleinwagen mit Zweitaktmotor) von hinten gerammt, Vater und Mutter flogen in weitem Bogen ins Feld und blieben bis auf kleinere Blessuren unverletzt, ich stieß mir die Lippen am Blechrand des Beiwagenbootes auf, sonst war nicht viel passiert.

Doch dieser – zum Glück glimpflich ausgegangene - Unfall hatte genügt, um bei meiner Mutter und vor allem der Mutter meines Vaters deren latente Abneigung gegen Motorräder im allgemeinen und gegen allfällige Motorräder im Familienbesitz im besonderen im flammende Feindseligkeit ausarten zu lassen. Einziges Ziel der Weibsherrschaft: „A Auto muaß her“.

Gerade in jener Zeit, als also auch das bei uns Einzug haltende Wirtschaftwunder einen Kleinwagen in finanzierbare Nähe rückte, kam Papa mit „so ana narrischen Krax`n“, nämlich der von Wollner gekauften FN daher. Als er mit Mama und Großmutter einmal eine – widerwillig genehmigte – Ausfahrt nach Breitenfurt unternahm und ihn auf der Strecke der ehemaligen Österreichischen Tourist Trophy vom Gasthof „grüner Baum“ bis Laab im Walde der Hafer stach.

Er zeigte, was in der neuerworbenen FN des legendären Karl Abarth steckte, da war alles aus – die Maschine musste weg. Dies geschah auch nach wenigen Tagen auf offener Straße, als ihm ein Fan, der ihn bereits seit Tagen mit diesem wunderbaren Motorrad gesehen hatte, abpasste und ihm das Motorrad abkaufte.

Mit einem unmittelbar danach angekauften neuen Lloyd Alexander (Kleinwagen mit 600 ccm Pralleltwin-Motor, immerhin in OHC Bauweise), der prompt bei der ersten Ausfahrt seinen Auspuff verlor, endete die Motorradkarriere meines alten Herrn.

Halt, da war dann noch zwei Maschinen, die sein Leben stark beeinflussten. Die eine war eine der legendären „Kettel- AJS“, die er auf seinen Fahrten von Hietzing zum Geschäft in der Landstraße täglich sah. Sie gehörte einem Mechanikermeister, der sie jedoch trotz heftigen Bemühens nie an meinen Vater verkaufte. Doch sein Sohn hat sie mir nunmehr – viele Jahre nachdem sie in einem Schuppen vor sich hingeschlummert hatte – zu einem sehr fairen Preis verkauft, heute steht sie in authentischem Originalzustand in meinem Museum.

Eine andere konnte er kaufen, aber infolge zerlegten Zustandes entflammten der Zorn von Mutter und Großmutter erst allmählich: Ein Garagenkollege hatte eine der bereits damals legendären Brough Superior Maschinen um billiges Geld – Motorräder galten in den späten 50ern und beginnenden 60ern als „Armeleutefahrezuge“ wenig bis gar nichts - abzugeben. Vater, in der insgeheimen Hoffnung, doch einmal wieder aufs Motorrad zu kommen, kaufte sie und versteckte die Trümmer so gut es ging bei uns im Magazin. So lange, bis ihm die Mutter draufkam und es wieder einmal wegen „dera vaflucht´n Kraxn“ richtig funkte. Doch im Sommer 1961 stand meine Matura bevor und das Argument, dass er mir damit ein Geschenk machen könne, half. Die Brough blieb im Hause und bildete zwanzig Jahre später einen Grundstein meines „Österreichischen Motorradmuseums“ in Eggenburg.

Und hier verzahnt sich die Geschichte der Motorräder meines Vaters noch einmal eng mit meiner eigenen: Papa war immer ein Conosseur, der nur der Not gehorchend auf unedle Bikes stieg. Und so war sein Credo: „Bua, die Brough SS 80 war die edelste Beiwagenmaschine aber halt seitengeschlapft. A SS 100, die mit den oben hängenden Ventilen und Haarnadelventilfedern, so eine musst schauen, dass`d kriegst“. Ja, und Weihnachten 1998, war es endlich so weit. Ich konnte so eine SS 100 im Tausch gegen Vaters SS 80 (und viel barem) erwerben. Und ich bin überzeugt, er hat auf einen Wolke im Himmel schwebend runtergeschaut und meinen Deal gut geheißen.

Prof. Fehn