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Lese-Ecke des 1. Österreichischen Motorradmuseums

– Das Gelsen Team und sein Sponsor –


Von nix kommt nix. Das weiß jeder, der Sport betreibt. Und um wieviel mehr wird dieses wahre aber schmerzliche Sprichwort für die Motorsportler wahr. Österreich in der Zwischenkriegszeit... Wirtschaftskrise und drückende Arbeitslosigkeit prägen den Alltag. Dennoch – junge Helden, von der verständnislosen Mehrheit als Wilde apostrophiert – fahren mit ihren selbst getunten Motorrädern leidenschaftlich um die Wette. Jeden Sonntag rund um den Kirchturm. Es geht, finanziell gesehen, um nix. Das aber mit vollem Einsatz. Schon am Samstag beim Training entscheiden die Zeichen der Zeit über das zu erwartenden Rennglück. Wenn nämlich das zumeist vom Mund abgesparte Rennmotorrad zum "spinnen" anfing, dann wurde es teuer. Im besten Fall ein gebrochener Kolbenring, im schlimmsten eine komplette Motorrevision. Erste Anlaufadresse für den motorischen Patienten war die altehrwürdige Motoreninstandsetzungswerkstätte "Kolben Göls" im 5. Wiener Gemeindebezirk in der Kohlgasse. Der Firmeninhaber war Diplomingenieur Karl Göls, der die Geschicke dieser renommierten Firma leitete.
Gegründet war die Zylinderschleiferei im Jahr 1928 von seinem Vater "Ing. Karl Göls dem Ersten" worden. Dieser Göls war Anfang des 20. Jahrhunderts eine bekannte Fabrikantenpersönlichkeit gewesen. Er war Inhaber der Automobilfirma WAF, diese Abkürzung stand für "Wiener Automobilfabrik", die aus der Firma Bock und Hollender hervorgegangen war. Doch der Lauf der Zeit, insbesondere der Ersten Weltkrieges brachte das Aus für die WAF. Reparaturen und Instandsetzungsarbeiten hieß das Gebot der Stunde.

Fritz Dirtl arbeitete selbst an seinen Motoren,
Herr Göls überwachte mit fachmännischem Blick sein Tun.

Nun, in den späten Dreißigern war also der elegante Herr Diplomingenieur Göls (der zweite) eine von den Motorradrennfahrern hochgeschätzte und beliebte Person. Denn einerseits brachte er mit seinen Mitarbeitern jeden auch noch sosehr malträtierten Motor wieder zum Laufen und zum zweiten und wichtigsten hatte er ein großes und überaus mitfühlendes Herz mit den finanziellen Nöten der rennfahrenden Jugend. Und so kam eines zum Anderen, er half wo er konnte und wurde damit zum ersten – wie wir heute sagen würden – Sponsor der österreichischen Motorrad Rennszene. Denn – und das muß klar herausgestrichen werden, es gab so gut wie keine heimischen Automobilrennfahrer in den drückend armen Jahren der Dreißigerjahre. Die Autos auf Österreichs Straßen mußten hart im Alltag schuften und benötigten laufend die helfende Hand des Zylinderschleifers – vom Ventile einschleifen übers Entrußen bis zum Zylinderschliff. Damit fand Herr Göls ein gutes Drauskommen. Und das eine war unumgängliche Voraussetzung fürs andere- nämlich die Sponsortätigkeit. Denn wie schon eingangs erwähnt, von nix kommt nix. In den Vorkriegsjahren war der berühmteste Fahrer unter der Göls- Fahne Martin Schneeweiß, der 1937 in Prag Europameister im Sandbahnsport geworden war. Im "1. Österreichischen Motorradmuseum" in Sigmundsherberg ist nicht nur eine Maschine von Martin ausgestellt (mit der später auch Fritz Dirtl fuhr) sondern auch ein Plakat, auf dem Schneeweiß abgebildet ist und er sich bei Karl Göls für die Unterstützung bedankt.
Auf den Rennplätzen in der Krieau, am Trabrennplatz in Baden und den sonstigen Pferderennbahnen auf denen die "moderne Zeit" Einzug gehalten hatte und auf denen Sandbahnrennen abgehalten wurden hingen bald die Transparente der Firma Kolben Göls, und die Lautsprecher plärrten die Reklame der Firma unüberhörbar während der Rennpausen hinaus. Auch bei den Straßenrennen wie beispielsweise in Korneuburg, Laa oder Baden tauchte der Name Göls immer häufiger auf.
Nach dem zweiten Weltkrieg begann die Rennerei ebenso zaghaft - wegen Überflusses an Geldmangel wie ambitioniert - trotz der vier Besatzungszonen in die Österreich nunmehr zerstückelt war. Das behinderte jedoch die rasante Verbreitung einer neuen Motorsportart keinesfalls, die von Neuseeland über England auf den Kontinent übergeschwappt war: Speedway. Dieser auf schnellen 400 Meter langen Ovalbahnen ausgetragene Mannschaftssport, wurde mit bärenstarken Motorrädern von 250 bis 500 ccm bestritten, die weder Bremsen noch eine Gangschaltung hatten. Die Regeln waren ebenso simpel wie brutal. Gefahren wurde links herum, vier Mann gegen Mann, vier Runden lang. Wenn das Gummiband hochschnellte, mußten sich die Rauhreiter bis zur 90 Yard Linie ordentlich benehmen, danach war fast alles erlaubt: rempeln, gegen die Betonbande drängen usw. Ein mörder geiler immens schneller Sport, der in dieser unvorstellbar fernen Vor- Fernsehzeit die Massen in seinen Bann schlug. Und Karl Göls war wieder mit von der Partie. In seinem Rennstall fuhren die besten der besten: Martin Schneeweiß bis zu seinem tragischen Tod im Jahr 1947, der Vorkriegshaudegen Josef "Peppi" Walla der sich mit seinem Beiwagengespann heftige Schlachten gegen seinen Stallkollegen Georg Mach lieferte. In den Soloklassen fuhren unter anderem Fritz Trella, Franz Schenk, Hermann Rossmann sowie der strahlende Superheld und Lieblingsschwiegersohn jener Tage, Fritz Dirtl. Dirtl war mehrfacher Staatsmeister, sowohl im Speedway als auch im Straßenrennsport. Ihm gelang alles, die herzen der Massen flogen ihm zu. Die Speedwaycracks jener Tage hatten eine Ausstrahlung, die heute mit jener von Formel 1 Piloten vergleichbar ist. Die Tageszeitungen berichteten in großer Aufmachung über die Rennergebnisse des Wochenendes. Die Zeitung "Sport am Montag" war das Medium der sportbegeisterten Massen und Speedway war mit Fußball gleichberechtigt. Die Motorradfreaks feierten genüßlich die Rennsiege ihrer Helden in der Fachpostille "Motorrad", diesen wöchentlich bis vierzehntägig abhängig von den Motorradverkäufen erscheinenden kleinformatigen Hefte, ab. Und allüberall prangte die Göls Transparente, auf Zeitungsbildern durchaus gut zu sehen.

Fritz Dirtl nach seinem Sieg auf der Bahn in Olching/Deutschland

Die Rennfahrer liebten ihn, den Herrn Diplomingenieur, der mit Herz, Menschlichkeit und Größe sein Rennteam führte. Ein großer Höhepunkt der Motorradwelle jener Tage waren die jeden Mittwoch bei Flutlicht stattfindenden Speedwayrennen auf dem "Tschechischen Herz Platz" im 10.Bezirk, wo heute Wohnsilos in den Himmel ragen. Dort war die Hölle los, wenn die Teams "Austria" "Vienna" und "ARBÖ" gegen das "Gelsen Team", denn so nannte Göls seinen Rennstall, antraten. Das Stadion kochte, wir G´schrappen hockten als Beschwerung mit Begeisterung auf dem Holzrechen, der hinter einem LKW zur Einebnung der Schlackenbahn zwischen den Rennen über die Bahn gezogen wurde. Daß wir – auch der junge Dieter Quester war ein Speedwayfan – nachher wie die Mohnnudeln aussahen, tat der Begeisterung, unseren Helden nahe sein zu dürfen, keinen Abbruch. Göls sponserte aber nicht nur Bahnrennfahrer, er half allen. So hatte er auch den Staatsmeister auf der Straße Leonhard Fassl wie den bekannten Wertungsfahrer Hans Patleich (Journalisten – Pseudonym "Christmann") unter Vertrag, der auf seiner Beiwagenmaschine wie der Elefant im Porzellanladen die Starterfelder aufarbeitete. Auch der Grandseigneur unter den Automobilisten Kurt Koresch beflügelte seinen wahnsinnig schnellen Veritas Rennwagen mit Göls Kolben.

Leonhard Fassl der österreichische Staatsmeister in der 350er Klasse
am 19.4.1953 in St. Pölten auf Königswellen CZ Rennmaschine

1956 war die Sonne von Himmel gestürzt, Fritz Dirtl tödlich verunglückt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Rennstall Göls 5000 – in Worten fünftausend Siege errungen gehabt. In dieser Ära begann auch der Anfang von Ende des Motorrades als Massenverkehrsmittel. Die Zulassungszahlen der Autos überstiegen die der Motorräder, die ersten Firmenpleiten von Motorraderzeugern setzte ein, für die gesamte europäische, insbesondere jedoch britische Motorradindustrie, die auch die schnellen JAP (steht für J.A. Prestwick, London) Bahnmotoren lieferte, begann ein langsames unaufhaltsames Verschwinden vom Markt. 1962 wurde die Zeitung "Motorrad" eingestellt, obwohl sie sich zum Schluß schon mit Mopeds, Rollern, Kleinwagen und sonstigem G‘schwerl beschäftigt hatte.

Das Gelsen Team der Fa. Göls mit Teamkapitän Fritz Dirtl (rechts)

In diesem Jahr 1956 hatte sich auch Göls aus der Sponsortätigkeit zurückgezogen und seinen Rennstall aufgelöst. Auch das Zylinderschleifergeschäft war weniger geworden, trotzdem half Göls auch den wenigen nachrückenden Talenten mit Rat und Tat weiter. Mitte der Siebziger verstarb dieser erste Sponsor, den es im österreichischen Motorsport gegeben hatte völlig unerwartet und plötzlich. Sein Sohn Klaus Göls übernahm den Betrieb und hielt auch die Tradition der engen Verbundenheit zum Motorsport aufrecht. So fuhr u.a. auch der "junge" Walla Günther für Göls. Auch unternahm der nachmalige österreichische Motorrad Motorenpapst Dipl. Ing. Heinz Lippitsch seine ersten Gehversuche an Rennmotoren mit einem einzigen Feuerring in der Firma Göls. 1982 war die Firma am traditionellen Standort, der inzwischen zu einer reinen Wohngegend geworden war, nicht mehr zu halten und Klaus Göls beendete schweren Herzens die von seinem Großvater begründete enge Verbindung zum Kraftfahrzeug als selbständiger Unternehmer. Dennoch blieb Klaus dem Kraftfahrzeug treu – als Pressesprecher von Opel Austria.

Prof. Fehn

Der berühmte Steilwandfahrer Rudi Östreicher auf seiner Indian vertraute auf Göls Kolbenservice. Das Foto zeigt den Todesfahrer in voller Action in der Steilwand im Wiener Prater