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Lese-Ecke des 1. Österreichischen Motorradmuseums

– Eine Winterreise in das Land wo die Zitronen blühen –


Das Jahr legt sich zur Ruhe und macht uns Motorradfahrern das Herz schwer. Am Ende eines Sommers stellt sich die ernsthafte Frage nach einer baldigen Winterreise. Wir sind für Sie vorgefahren und haben den Sommer gefunden.

Das Land der Begierde ist Süditalien, konkret: Kalabrien und Sizilien. Die Gründe dafür sind einleuchtend: Das Land liegt in Europa. EU sozusagen. Und bietet vor allem ausreichend Schutz vor gefrorenem Niederschlag, der vom Himmel fällt und die Wintersportler so erfreut. Diese Schnee-"Unsicherheit" ist auch dann gegeben, wenn Mitteleuropa quasi in der weißen Pracht versinkt. Mehr als der eine oder andere Regenguß ist nicht drin. Nur die hochgelegenen Regionen wie beispielsweise die Hänge des Ätna sind Schigebiet. Üblicherweise lacht jedoch auch im Winter die milde mediterrane Sonne über Messina, Taormina und Catania.

Wichtig in unseren Überlegungen war auch die Vermeidung von langen Schiffspassagen, die erfahrungsgemäß in Adria und Mittelmeer infolge rauher See mit schweren Beeinträchtigungen des Wohlbefindens der Landratten, zu denen die meisten Biker zählen, einhergehen. Unsere Reisegruppe bestand aus drei Bikern, die ihre Enduros im Laderaum eines Transit mitsamt reichlichem Gepäck verstaut hatte. Schlußendlich sollte die Anreise in längstens zwei Tagesetappen erledigt sein, ohne Schwerarbeit am Steuer eines Transporters zu verursachen

       
Bei Salerno atmeten wir zum ersten mal die Luft des Südens

Daher ging die Anfahrt als reine Autobahnpartie am ersten Tag über Wien, Villach, Florenz bis Rom. Am zweiten Tag über Neapel und Cosenza weiter. Diese Etappe war besonders erfreulich, denn trotz eiskalter aber sonniger Witterung registrierten wir erfreut, daß ab Rom keine Autobahnmaut mehr kassiert wird. Sozusagen ein Förderprogramm der EU an den Süden Europas.


Fähre nach Messina

Ziel und Ende der Autofahrt war Reggio, genaugenommen die Fährenstation vor dieser süditalienischen Großstadt, nämlich Villa San Giovanni. Ein ruhiger kleiner Ort mit verträumten Gassen und einem ordentlichen Hauptplatz mit Kirche und Hotel. Von dort aus gehen die Fähren in halbstündiger Fahrt nach Messina in Sizilien.

Das Hotel war nicht nur nahezu gästelos, sondern hatte auch eine versperrbare Garage für unsere Bikes. Und, schon vorweggenommen: Unser Transporter stand vor den Hotel und kein Mensch vergriff sich an ihm. Es scheint nämlich so zu sein, daß die Strukturen der Cosa Nostra und der Mafia gehobenes Interesse an geregeltem und florierendem Fremdenverkehr haben.

Der erste von vier Fahrtagen begann am späten Vormittag mit leichtem Regen, der sich jedoch in Reggio bereits zu blankem Sonnenschein aufgeheitert hatte. Diese Tagesetappe stand im Zeichen der Erforschung des Umfeldes des Kalabrischen Nationalparkes Montalto um den Monte Cocuzza. So ging es nach dem Straßengewirr von Reggio di Calabria über das Dorf Oliveta und den Monte San Demetrio auf die N 183 Richtung Monte Basilico am Rande des Nationalparks. Die Straßen haben dort die Güte schlecht asphaltierter Feldwege von drangvoller Enge, gewürzt mit Kurvenorgien der unvorstellbaren Art. Teilweise steil in den Himmel ragend, mit weggebrochenen Rändern, die in tiefe Schluchten führen. Streckenweise eine nahezu abenteuerliche Wildnis mit tiefem Gehölz, bewaldeten Bergrücken und weglosen Steilhängen. Genau das, was das Enduroherz erfreut. Oh Biker verkühle dich dort niemals mit einer Straßen- oder Sportmaschine, du leidest schrecklich.

Doch was wir zivilisationsgeschädigten Mitteleuropäer als Hauch von Abenteuer empfinden, ist für die Einheimischen "business as usual". Denn auf den abenteuerlichsten Pfaden kommen sie mit ihren Fiat Cinquecentos angetuckert oder gar noch mit den wunderbaren vorsintflutlichen Moto Guzzi Dreiradlern. Vorbei an der Zufahrt zum Nationalpark, der ja nur zu Fuß begangen werden kann, fuhren wir die N 183 weiter nördlich bis Gambarie. Auf den 36 Kilometern bis Cosoleto wurde unsere Aufmerksamkeit voll gefordert, denn es trat leichter Nebel mit Nieselregen auf. Die Kurven kamen trotz reduzierter Fahrgeschwindigkeit immer schneller auf uns zu. In Cosoleto bogen wir Richtung Westen auf der N 112 ab. Die nächste größere Stadt war Sinopoli, deren Anfahrt durch die rutschigen Straßen und die einbrechende Dämmerung sehr selektiv wurde. Der Kaffee dort in diesem pulsierenden Ort, hineingeduckt in die Hänge der Apromontischen Berge, hatte ein bißchen den Beigeschmack von Henkersmahlzeit, denn vor uns lagen noch knapp 10 Kilometer abenteuerlicher Waldwege bis zur Küstenautobahn.

So tauchten wir mit gemischten Gefühlen in die Finsternis ab. Wir erlitten jeden Meter, verschärft durch flott fahrende Einheimische mit ihren Fiats. Die dürften alle den Radarblick haben, sonst könnten sie sich mit diesen Geschwüren nicht so um die Ecken schweißen. Na ja, endlich tauchte die Lichterkette der Küste aus Finsternis und Nebel auf, wir hatten freie Fahrt ins Hotel.

Der zweite Fahrtag stand im Zeichen Taorminas. Wir fuhren mit der Fähre, die pro Person und Bike rund 60 Schilling pro Fahrt kostet, nach Messina. Dort fuhren wir, um Pace zu machen, direkt auf die Autobahn auf, bis zur Ausfahrt Taormina. Zuerst ließen wir uns das Dolce Vita am Strand von Schiso, dem antiken Naxos, auf der Zunge zergehen. Dort lernt man, was wirklich Dolce far niente bedeutet. In einem der zahlreichen Cafés kamen wir mit einem Pärchen ins Gespräch - er Engländer, sie Deutsche. Sie lebten bereits seit fünf Jahren hier, und das naßkalte Mitteleuropa war lediglich eine grauslicher Schatten der Vergangenheit. Leistungsgesellschaft, was ist das? Hier ist das Leben.


Die weltberühmte Alcantara Schlucht bei Taormina

Und jeden Tag scheint die Sonne. Auf - hinauf in die Berge nach Taormina. Trotz toter Saison ein nicht enden wollender Strom von Touristen. Und Überlebenden. Eingetrockneten Briten, die ihre kostbare Haut zur Sonne tragen, Kulturreisende und Aussteiger. Dazwischen wir Biker in regendichter Fahrtenkleidung. Wer ist da exotisch?

Wir ließen uns lang über die Mittagszeit hinaus einfach treiben. Essen, trinken, schmähführen und so. Und über allem lag der Ätna und stieß gelassen seine Schwefelwolken aus. Sehr spät kamen wir wieder auf die Räder und machten Meter. Allerdings nur bis zur Alcantara Schlucht, einer sehenswerten Aneinanderreihung von Stromschnellen an der N 185, die bei Schiso ins Landesinnere abzweigt. Dort standen wir, schon tief ins Licht der schnell untergehenden Abendsonne getaucht und hörten ergriffen den Schilderungen unseres Hadschi (abgeleitet von Halef Omar, dem Weitgereisten) zu, der uns Nicht-Wasserratten die Eskimorolle und sonstige Geheimnisse des Wildwasserfahrens erläuterte.

Für die Abenddämmerung stand uns noch ein großes Abenteuer bevor: Die Heimfahrt entlang der Küste bis zur Fähre nach Messina auf der Küstenstraße. Was wir nicht wußten: Was in jeder Karte dick und verführerisch als Hauptpfad eingezeichnet ist, existiert so gar nicht. Es ist dies nämlich eine wüste Aneinanderreihung von örtlichen Umleitungen, Fahrverboten, gefinkelten Sackgassen, verkehrten Einbahnen und sonstigen Gemeinheiten, wie sie nach unserer Meinung nur den Gehirnen Teutsch-Teutonischer Verkehrsplaner entspringen kann. Doch unsere Brüder im Süden sind da auch ganz kreativ. Es kam wie es kommen mußte. Wir drei Altspatzen führten uns auf wie die einheimischen Mopedbuben und mißachteten einfach alles. Zum Schluß pfiffen wir noch mit 80 an einer rollenden Streife Carbinieri vorbei, die stoisch mit einem Vierziger im Verkehrsstrom dahinzuckelten und uns nicht einmal ignorierten. Die Erkenntnis dieses Tages: "Hast zwa Radeln, bist a Kaiser".

Auch im tiefsten Winter gibt es an den Hängen des Ätna offene Obstläden

Das obere Drittel des Ätna ist Wintersportgebiet

Am Fuße des Ätna reifen im Jänner die Zitronen














Dritter Fahrtag, der Neujahrsmorgen: Da wir den Jahreswechsel natürlich ignoriert und brav geschlafen hatten, war die Entscheidung klar: ab nach Sizilien und hinein in die Hänge des Ätna. Messina-Taormina am Bandel. Dann die Abzweigung nach Linguaglossa. Diese Straße war gesäumt mit Obstplantagen, in denen die Zitronen reiften. Ein unvergeßlicher Anblick, über allem der Schneeriese Ätna.

Von Linguaglossa nahmen wir die Abzweigung ins Schigebiet Mareneve, wo auf rund 1.200 Metern voller Schibetrieb mit kaltem Orkan angesagt war. Nach einem heißen Tee ging es ab in tiefere und wärmere Regionen. Uber Milo, Malopasso entlang des Fußes des Ätna über Viagrandi nach Catania. Es war Neujahrstag und hier herrschte Hochbetrieb in den Cafeterias, Bars und Strandcafes.

Es gab köstliches Eis, man saß auf der Terrasse, schaute ins Meer und genoß das Leben. Mittendrin die Polizia stradale und die Carabinieri die sich hier ganz locker unter das wuselnde Volk gemischt hatten und sich ganz normal benahmen. Bikes und Autos am Gehsteig geparkt, na und? Ein fürwahr schöner Anblick. Zur Heimfahrt nahmen wir, da es nach Sonnenuntergang doch sehr frisch wurde, wieder die Autobahn.

   

Spuren im Sand beim Spiel auf zwei Rädern

Abendsonne über dem gesegneten Land - Wir kommen wieder !

                     

     
Vierter Tag: Noch einmal Wasser und Berge. Autobahn Reggio bis nach Bova Marina, einem Fischerstrand ohne Bade-Infrastruktur. Nur Fischer, Boote und Netze reparierend, dazu ein lästiger Köter, der uns kläffend nachhechelte und auch bereit gewesen wäre uns ersthaft zu beißen. Das kam so. Der Spieltrieb ist in großen wie in kleinen Buben vorhanden. So testeten wir die Maschinen im Sand und Schotter auf Abenteuer ab. Also: Das jeweilige Gerät unter’m Hintern war eher wurscht, es kam lediglich auf’s Herz des Piloten an, man muß die Gurke zum "Aufschwimmen" auf losem Untergrund bringen, und in den Kurven aufpassen, daß man nicht untergeht. A riesen Gaudi für uns Burschen jenseits der zwanzig.

Nun, der Hund. Immer wenn ein Bike fuhr, gebärdete er sich wie verrückt und versuchte den Fahrer runterzuholen. Kam die Fuhre jedoch zum Stillstand, trottete er heran und schnüffelte eher freundlich und tat gar nix. Daher mußte man ihn ablenken und dann in Fahrt kommen. Ein lustiges Spiel, das mit Erschöpfung bei Fahrern und Köter endete.

Weiter ging es in die Berge zum Ort Bova auf einer Seehöhe von exakt 820 Metern. Dort trauten wir unseren Augen nicht, denn am Hauptplatz stand - eine tonnenschwere Dampflok. Wie diese den beschwerlichen und gewundenen Weg hierher gefunden hatte, konnte uns keiner erklären. Zurück ging es wieder auf die Küstenstraße bis Bovalino Marina, wo wir eine kleine Schleife in die Küstenberge fuhren und nach wenigen Kilometern auf eine Ruinenstadt stießen. Diese war von einer Burgruine gekrönt. Die Reste der Gebäude wiesen eine gewisse Vornehmheit und architektonische Ästhetik auf, die wir bei den nachfolgenden Ansiedlungen der Neuzeit schmerzlich vermißten. In Locri zweigten wir auf die N 111 zur Querung der Stiefelspitze ab, die in Gióia Tauro endete. Damit hatten wir am letzten Tag noch die Verbindung vom Ionischen zum Thyrrenischen Meer geschafft.

Fritz Ehn

Infos:
Kartenmaterial: Kümmerly und Frey, Calabria 1: 200.000, Sizilien 1: 200.000. Informationen über das Land beim Touring Club Italiano, sowie Reiseberatung des ÖAMTC, 1010 Wien, Schubertring 1-3, Tel. 01/71199

Fahrzeugpapiere: Es wird empfohlen, für alle Kraftfahrzeuge die grüne Versicherungskarte mitzuführen.

Fahrzeugsicherung: In Automobilen keinerlei "provokante" Dinge sichtbar liegen lassen wie beispielsweise Kameras, Jacken oder Taschen. Motorräder: gerade bei größeren Menschenansammlungen sollte man die Bikes nicht unbeaufsichtigt stehen lassen. Daher. Gassencafés und Restaurants mit Blick auf die Maschine.

Versorgung mit Benzin: Abseits der Hauptstraßen,vor allem in den Bergen sehr spärlich. Daher immer Tank auffüllen, bevor es in einsamere Gebiete geht.

Verkehrsregeln: Haben in diesen Gegenden bestenfalls Empfehlungscharakter. Daher gilt kein Vertrauensgrundsatz. Nur ein gesundes Mißtrauen den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber sowie schnelle Reaktion sorgen für unfallfreies Vorwärtskommen.