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Lese-Ecke des 1. Österreichischen Motorradmuseums

– Das Brot der frühen Jahre –

     

Die langen Winternächte sind eine gute Zeit für historische „Grabarbeiten“ in meinem Archiv.
Längst verschollene Zeiten sind plötzlich da, als wäre es ein Abenteuer von - ja wann eigentlich?
Der Wolferl Ambros hat schon recht in seinem Pop Classiker: „Gestern um dieselbe Zeit war´s noch nicht so spät wia heit“.

Miterlebt hat diese Zeit, von der ich jetzt erzählen werde, kaum einer von uns. I a net. Aber ich kann mich gut hineinversetzen in die frühen Zwanziger Jahre. Ein Mörderkrieg, der 1. Weltkrieg, der blutigste in der Menschheitsgeschichte bis heute (trotz des 2. Weltkrieges), war zu Ende gegangen.
Zum „Drüberstreuen“ hatte sich die Grippeepidemie noch im 18er Jahr europaweit noch rund 20 Millionen Opfer geholt. Österreich war klein geworden, die Monarchie Geschichte.
Doch die, die das Grauen überlebt hatten, feierten und lebten intensiv wie nie zuvor. Bubikopf und Charleston regierten in den Amüsier - Etablissements, die „Sportmen“ fuhren Rennen von nie geahnter Gefährlichkeit.


Die Bikes jener Jahre waren zuverlässig und stark wie nie zuvor geworden.
Der Ernst Henne auf BMW hatte die 200 km/h Marke überschritten, die famosen Superbikes des George Brough aus Nottingham, die eine Lawine von 7.000 Schilling kosteten - zum Vergleich, ein tolles Einfamilenhaus kostete 10.000.- Schilling - .
Ja, und dieser George Brough war 1926 mit seinen „Brough Superiors“ bei der Österreichischen Alpenfahrt angetreten - und hatte eine fürchterliche Schlappe erlitten. Grund genug für ihn, es ein Jahr später mit einem völlig neuen Modell wieder zu versuchen - und den Rest der Welt in Grund und Boden zu fahren.
Man bedenke: Die Alpenfahrt führte damals von den slowenischen Voralpen über alle Dolomitenpässe bis nach Wien. Diesen Triumph münzte George Brough in den klingenden Modellnamen seines Sieg-Bikes um: Brough Superior SS (Super Sports) 100 (bedeutet garantierte Höchstgeschwindigkeit von 100 mph= 160 km/h) „Alpine Sports“.


Doch auch bei den österreichischen Bikern tat sich gewaltiges. Hölbl und Karner feierten jede Menge Siege auf Puch. Gegen stärkste internationale Konkurrenz mußte sich Rupert Karner nach einem Sturz beim Großen Preis der Nationen in Monza mit dem 2. Platz begnügen, doch er hatte Österreich wieder in das internationale Motorsportgeschehen zurückgebracht.
Doch vor allem die Rennen auf unseren „Hausbergen“ waren absoluter Publikumsmagnet. Und diese Rennen lebten vor allem von den vielen jungen Enthusiasten, die ohne jede Werksunterstützung Kopf und Kragen riskierten.
Am Beispiel einer Bilderserie des Herrn Franz Strachota, Wiener Mechanikermeister und begeisterter Hobbyrennfahrer der Jahre 1920 bis 1926 soll dies illustriert werden. Natürlich kannte der Strachota alle Größen jener Zeit, vom Herrn Porsche, ja genau den legendären Prof. Ferdinand Porsche, der arbeitete damals bei Austro Daimler in Wr. Neustadt und war bei fast jedem lokalen Rennen dabei. bis zum Rupert Karner, der auch gerne mal einen Bugatti pilotierte.
Ja, ja, die hohen Herrn und Angaser der frühen Jahre hatten keinerlei Berührungsängste mit ihren Fans und „Nichtwerkspiloten“...
Auf die heutige Zeit übersetzt wäre das so, als ob sich der Kenny Roberts unters Volk bei Slaloms oder Hillclimbs mischen würde.

     

Herr Strachota fuhr auf einer Wanderer 2-Zylinder die er beim Riederberg Rennen ordentlich wegschmiss, was sich in der Bildaufschrift „vor der Bretzn“ dokumentiert, er matchte mit den Brüdern Kästner 1920 auf der Badener Trabrennbahn.

     

Der Riederberg war überhaupt ein Lebenselexier für die Wiener Motorradfahrerschaft. Jeden Sonntag zog es sie dort hinaus auf die Anhöhe und das Maß aller Dinge war die „Aussichtskurve“, die erste Kurve nach der Riederberghöhe Richtung Tulln. Dort versammelten sie sich und schauten, wie schneidig jeder die Ecke nahm. Oder ob er zum Gaudium des Publikums - zumeist samt seiner auf der „Pupperlhutschen“ mitfahrenden Freundin in den Staub biß.
Doch zwei Mal im Jahr waren echte Rennen angesagt.

     

Die schlechten Straßenverhältnisse waren überhaupt ein typisches Merkmal jener Jahre. Die Bundesstraße 1 von Wien nach Salzburg glich beispielsweise einem besseren Feldweg und war mit knöcheltiefen Schlaglöchern übersät.
Aber: Damit lernten die Burschen wirklich gut Motorradfahren und waren daher auch auf den Rundstreckenrennen der Pferde-Rennbahnen nahezu unschlagbar!
Dirt-Track, so hießen diese aus Australien via England nach Europa importierten Bahnrennen. Doch perfektioniert als „Sandbahnrennen“ haben es die Österreicher, deren Heroen Martin Schneeweiß (Europameister 1937) und Fritz Dirtl waren. Wie es mit dieser Sportart begann, seht Ihr auf dem folgenden Bild:



Also, Freunde und -Innen der zweirädrigen Zunft, laßt euch diese Fotos auf der Zunge zergehen, ergötzt Euch an den Details und Staubfahnen, den enthusiastischen Zuschauermassen aus jener Zeit, als das Fernsehen nur mit Fernrohr möglich war und die mechanischen Rechenmaschinen mit Handbetrieb den Computer ersetzten.
Aber: das Angasen war erfunden, die Burschen hatten ein großes Herz, aber das Brot der Schnelligkeit war hart und endete oftmals im Staub der Landstraßen.