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Lese-Ecke des 1. Österreichischen Motorradmuseums

– Herbstliche Erinnerungen an anno dazumal: Der Blutsonntag –


     

Dramatische Dinge haben zumeist einen banalen Auslöser. Und es liegt eben in der Natur der Dinge, daß diese dann ihre Eigendynamik kriegen. Damals, in den Sechzigern. Es war einer jener wunderschönen Sonntage, an denen der Big Easy in der Luft hängt, und sowieso eh nix passieren kann.

Oh ja, damals hatte der Ring noch Gegenverkehr, der heutige Schilder-Urwald begann erst zu wuchern und ein Opel Rekord war Otto Normalverbrauchers Traum. Motorräder, so sprachen die Alten: Hamma ned, deppatn Buam, darsteßts eich eh nuar, sads froh, daß eich a Wagerl auf Rat'n kaufn kennts.

Ergo, aus dem Mopedalter waren wir zugegebener Maßen schon heraußen. Selbst die auffrisierteste Lohner Sissy mit der Sportkupplung und der ungemein frivolen langen, roten Sitzbank, wo sich das Mädel so kuschelig mit wehendem Pettycoat anschmiegen konnte, war bereits Kinderkram. Wir fuhren justament Norton, AJS/Matchless oder Triumph.


Wobei die letzte Marke am einfachsten zu haben war, da der Kommerzienrat und Clubpräsident Wöhrer die heißen Eisen aus Coventry in seiner "Teha" Firma im 15. und im 10. Bezirk (neben Lloyd und Hillman Autos) als Generalimporteur problemlos liefern konnte. Robert Wöhrer fuhr selbst Wertungen und hatte ein Herz für die Jugend. So entdeckte er damals den Bahmer Hans, der dann den größten Triumph Club der Welt außerhalb Englands auf die Beine stellte. Einen Club, der auch heute noch sehr rege ist und bei dem es eine Ehre ist, bei der Jahresfeier dabei sein zu dürfen.

Eine gewisse Challenge war der Erwerb einer AJS/Matchless beim Generalimporteuer Basch, der in einem noblen Ringstraßenlokal neben der Börse residierte. Er hatte den geringsten Zugang zu Teilen und war damals schon eher auf der Autoseite bei Opel in seinem Zweitbetrieb in Maria Enzersdorf zu Hause. Es war in jenen Jahren, als das Motorrad nahezu tot war. Hingerichtet von der öffentlichen Meinung, daß "nur a Wagerl" allein seligmachend sei und sowieso nur halbstarke lederwestentragende Rebellen mit "solcherne Krax'n" die braven Spießbürger schrecken täten.

Natürlich, die bösen Nachkriegsjahre hatten das Motorrad stigmatisiert, jeder Normalbürger erfreute sich wirklich an seinem "Wagerl". Die Devisenbewirtschaftung und eine "kluge" Handelspolitik brachten es mit sich, daß das karge Geld der Österreicher den Germanen für "Hitlerbuckel", "Isabellen" und "Jellineks"in den Rachen geschmissen wurde. (Anm: VW-Käfer, Borgward Isabella und Mercedes, wegen des Namensgebers Mercedes-Jellinek, dem ehemaligen österreichischen Konsul in Nizza so genannt). Die trefflichen BMW Maschinen, importiert vom wertungsfahrenden "alten" Denzel waren uns Jungen finanziell sowieso entzogen, obendrein liefen sie nur mit dem V8 BMW und der Isetta so so la la mit.

Der Königer hatte das Hangerl geschmissen und importierte keine Horexen mehr sondern nur mehr die scheußlichen Goggomobile. In der Hegelgasse strampelte sich Neo-Importeur Hoyer, nachdem er die Firma vom Eichler gekauft hatte, mühsam mit den dahinsiechenden Norton-Villiers Produkten sowie Velocette ab. Auch der Faber Sepp (heute hochbetagter Noch-Immer-Motorradfahrer) fuhr damals noch selbst Wertungen auf Jawa und unterhielt in den Folgejahren eine ziemlich rege Sponsortätigkeit. Er ist heute der Doyen unter den Motorradimporteuren, sein Herz gehörte immer dem Zweirad, er hat sich nie wirklich mit den Vierrädrigen angepatzt. Ja, Honda hat er einst ins Land gebracht und groß gemacht..


Doch außer diesen wenigen Lichtblicken sah es für uns Motorradnarren düster aus. Das traurigste Kapitel war wohl die heimische Marke Puch, die grundsätzlich außerhalb des Dunstkreises ihrer Werksangehörigen und da im speziellen des Versuches, jeder Sporttätigkeit abhold bis feindselig eingestellt war. Wehe es wagte ein Nicht-Puchianer mit einer selbst getunten Puch-Maschine die Werksbrigade anzustreichen. Ewig währte der Bannstrahl aus Graz-Thondorf. Nur wenige Aufrechte Einzelkämpfer gab es, die den Werks-Bikes paroli boten.

Mit Freude und Genugtuung erinnere ich mich an den Stanzi Suchanek, der mit einer bis zum Geht-nicht mehr ausgereizten Vorkriegs-Puch S4 die jeweils neuen Werksrenner noch bis ins Jahr 1953 nach Strich und Faden durchreichte. Ja die Puchs, das waren eigentlich die wirklichen Volksmotorräder von damals. Es gab sie bei jedem Gebrauchthändler in Mengen, meist als Anzahlung fürs "Wagerl".

Erklärung für die Jungen. Heute werden diese Wertungen Enduro oder Rallies genannt. Natürlich waren diese niemals so professionell wie heute. Weder vom Gerät noch von den Akteuren her. So fuhr ich beispielsweise den Seiberer im Kleppermantel (er war aus gummiertem Stoff und im Schritt zuknöpfelbar und stank in der Sonne wie ein Reifenlager) auf einer 250er Puch, weil bei der Matchless hatte es mir bei der Wintertourenfahrt die Primärkette gefressen und die Getriebwelle verbogen. Und dann erreichte uns die Kunde von Sammy Miller. Dem Mann, der mit seinem mächtigen Ariel Dampfhammer in den Rasten stehend über Baumstämme fuhr und durch Sümpfe pflügte.

Minderheiten formierten sich. Neben den großen Markenclubs wie dem bereits erwähnten Triumph oder BSA Clubs gab es einige kleinere markenungebundene Vereine wie beispielsweise den Motorradclub Donaustadt oder den Motorradclub Floridsorf. Auf jeden Fall ein Haufen wilder Underdogs ohne Marie aber mit großen Herzen. Jedes Wochenende als Zuschauer oder aktiv bei Wertungsfahrten dabei.


Aber rückblickend kann gesagt werden, daß nur aus einem etwas geworden ist, dem Trialprofessor Walter Luft. Der hatte mit seinem Freund Konwalina aber auch einen anderen Zugang zur Trialerei. Die zwei suchten nämlich auf ihren Puch-Mopeds in den Rasten stehend im Herbst die Felder nach archäologischen Fundstücken ab. Daß der Walter mit der Trialerei zu internationalen Meisterehren kommen sollte, ahnten wir damals bestenfalls, wenn er uns Wapplern in der Kleedorfer Gruab'n (heute schweres Naturschutzgebiet nahe der Großfeld-Siedlung) um die Ohren fuhr.

Diese Bewerbe hatten einen mördergeilen Namen: Trail. Es dauerte nicht lange und wir lagen im Trialfieber. Als Gerät mußte jede ausgeschlapfte Motorradleiche herhalten. Der Krautbart, so genannt wegen seines zerrupften roten Bartes, kam mit einer NSU Konsul 500, einem braven Beiwagenschlepper, der Rumperl verging sich sogar an einer Norton H 16 mit seitengeschlapftem Motor.

Doch wir hatten sein Sensorium nicht. Wir begriffen es nicht, daß Leichtbau und Bodenfreiheit des Trials Seele sind. Unter unsäglichen Mühen schleppten wir die bockigen Schwergewichte ohne Kotflügel und mit Hirschgeweih-Lenkern über die nassen Wiesen, denn mehr schafften sie nicht. In den selbst geschweißten Baustahl-Stangl-Fußrasten stehend freuten wir uns über jede Hangschrägfahrt ohne Köpfler.


Wir vom Motorradclub Donaustadt trainierten immer. Gleichermaßen an Sommer- und Wintersonntagen, egal welches Wetter angesagt war. So war auch wieder einmal Training in der Gerasdorfer Gruab'n angesagt. Infolge des herrlichen Badewetters kam keiner außer dem Werns, dem Gilet-Bladen und mir. Der Werns und ich hatte mit unseren umgebauten Schalenrahmen-Puchs schon leidliche Erfolgserlebnisse bei der glitschigen Hangschrägfahrt, nur der Gilet-Blade hatte es mit seiner Puch 500 (Vorkriegsmodell mit zwei Zylindern und zum Trialen so geeignet wie ein Pinzgauer zum Dressurreiten) schon mehrere Male aufgetuscht. Sein Ballon war schon hochrot, der Körper zitterte von der ungewohnten Anstrengung. Doch wir hievten ihn wieder auf die Maschine. "Den Oasch muaßt aus'n Haung außa drahn und di net wia a Woama zum Hübl zuwehaun". Doch er gehorchte unseren guten Ratschlägen nicht, drückte sich abermals gegen den Hang und rutschte im Zeitlupentempo hangabwärts. Wir sahen uns an und waren uns einig, daß der Gilet-Blade ein hoffnungsloses Weh sei. Doch diesmal blieb er wimmernd unter der Maschine liegen und machte keinerlei Anstalten zum Aufstehen. Als wir die Maschine von ihm weghoben, sahen wir warum er wimmerte. Der eiserne Fußrastenstumpf war ihm knapp oberhalb des Knöchels in die Wade gefahren und hatte sich durch den uralten Militär-Knobelbecher (alter Armeestiefel) den er statt einer Schutzbekleidung trug, in seine Wade gebohrt. Langsam sickerte Blut durch den Stiefel und uns fuhr der Schreck in die Glieder. Blada, jetzt muaßt sofurt ins Spital.

Unsere Motorräder waren natürlich damals mit Nummertafeln versehen, Pickerl gab es ja noch keines. So fuhren wir glücklich, der Beschwernis des Trainings entflohen zu sein ins Wirtshaus, der Blade hielt sich tapfer. In der Wirtsstube in unserem Clublokal zum "Grüß di a Gott Wirt" nahmen wir Platz, der Blade führte das Wort. Wie er denn das Trialieren jetzt in den Griff kriegen werde und daß alles nur halb so wild sei. Die Kellnerin hörte ihm ergriffen zu und glaubte ihm alles. So wie wir. Nur ab und zu schlenzte sie einen nassen Fetzen unter den Tisch, um das Blut wegzuwischen, das ihm aus dem Stiefel sickerte.

Doch jetzt schien seine Stunde gekommen zu sein, er wuchs über sich selbst hinaus: "Sad's deppat, jetzt an so an scheenan Tog, ins Spitoi kaun i auf'd Nocht imma no geh' . Foa ma obe auf'd Panozza Lockn, schau ma wos de Has`n moch'n. Und vurher geh ma no zum Wirten auf a Bier". Uns ritt der Teufel. Wahrscheinlich eh nur eine blöde Fleischwunde. Er hatte sich gut erholt, die Aussicht auf ein kühles Bier verlieh ihm ungeahnte Kräfte.
Ja, mit der Panozza Lacken wurde es auch nichts mehr, denn bald darauf wurde dem Bladen so mies, daß wir ihn doch ins Lorenz Böhler brachten. Es war zum Glück nur eine Fleischwunde, aber auch nicht lustig. Und mir dämmerte damals zum ersten Mal die Erkenntnis, daß es keinen Motorsport gibt, bei dem man sich bei so niederer Geschwindigkeit derart weh tun kann, wie beim Trial.